|
Der Dichter und Liedermacher Andrej Anpilov schreibt: "Von
den ersten Worten an spürte man beinah physisch ihr seltenstes,
erstaunliches sängerisches, aber vor Allem auch geistiges,
Talent. Und dessen Grenzen waren nicht auszumalen! Ich werde
nie vergessen, wie Frolova einmal in einem Lied von Strophe
zur Strophe die energetische Höhe steigerte. Und als
es bereits nicht mehr möglich schien, sie diese doch
noch weiter anhob. Elena ging mit einer solchen Leichtigkeit,
als ob sie es gar nicht bemerkte, in einen anderen Raum über,
der für uns jenseits aller Vorstellungen lag. Es war
wie ein Wunder."
Der Fokus von Elena Frolovas Arbeit liegt in der Vertonung
der Gedichte russischer Poeten des Silbernen Zeitalters; wie
Marina Tsvetaeva, Alexander Block, Anna Achmatova, Andrej
Belyj, Osip Mandelstam, Sofia Parnok, Arsenij Tarkovskij,
sowie der Dichter, die der Tradition des Silbernen Zeitalters
folgten, wie Joseph Brodsky und Leonid Gubanov. Diese hohe
Poesie lässt sich nur in seltensten Fällen adäquat
in die Sprache des Liedes übersetzen. Das Werk von Elena
Frolova ist so ein Fall. Ihre musikalischen Interpretationen
schwieriger und vielschichtiger Texte verblüffen durch
ihre Kühnheit, Kraft und Präzision. "Das ist
nicht mal mehr allein die Feinfülligkeit dem Wort gegenüber,
sondern ein Spürsinn für das, was hinter den Worten
liegt" (V. Genin). Diese poetisch-musikalischen Zyklen,
unter denen der Liederzyklus nach den Gedichten von Tsvetaeva
besonders hervorzuheben ist, bringen ihr schließlich
Berühmtheit unter den Liebhabern der Poesie, des Autorenliedes
und des poetischen Liedes.
Eingeladen von Elena Kamburova zieht Elena Frolova nach Moskau
und beginnt ihre Arbeit im Theater der Musik und Poesie. Hier
lernt sie Vera Jevushkina kennen, eine andere bedeutende Liedermacherin.
Es entsteht das Duo namens "VerLen", das im Laufe
der nächsten Jahre große Bedeutung für das
Werk und die individuelle Entwicklung von Frolova haben wird.
Das Repertoire des Duos umfasst Lieder zu den Texten von Tsvetaeva,
Block, Brodsky und anderen klassischen und zeitgenössischen
Dichtern. Vera und Lena* bereisen Anfang der 90-er Jahren
ganz Russland, sie singen in Sibirien, im Ural, im Fernen
Osten sowie in Moskau und St. Petersburg. 1992 erhält
Elena Frolova den Vera-Matveeva**-Musikpreis. Das ist auch
der Zeitpunkt der Veröffentlichung ihrer ersten Alben,
die im Studio "Sibirski Trakt" in Kazan von Valeri
Mustafin aufgenommen werden. In diesen Jahren beginnt Elena
auch eigene Texte zu vertonen.
1993 ist das Jahr der Gründung der Künstlervereinigung
"ASiA". Mitglieder der Vereinigung sind die vier
Autoren: Tatjana Aljoshina, Alexander Derevjagin, Nikolaj
Jakimov und Elena Frolova. "ASiA" distanziert sich
von den Schablonen des Bardenliedes und vereinigt in ihren
Werken die hohe, originelle Musikkunst mit Theaterelementen.
Es entsteht eine neue Form des Konzerts - die Improvisationsform.
Ein spontaner Dialog der Lieder, der einer Jazz-Session am
nächsten kommt. Dabei bleiben die "ASiA"-Mitglieder,
jeder für sich, selbständige, unabhängige Autoren.
Ihre Vereinigung hat den Charakter eines Freundschaftskreises.
Viele Musiker, Autoren und Unterstützer von "ASiA",
bilden, in gewisser Hinsicht, eine neue und attraktive Erscheinung
in der russischen Kultur. Diese Erscheinung leistet der Kommerzialisierung
und Abgeschmacktheit der Liederkunst ernsthaften Wiederstand.
Die Freundschaft und der langjährige Dialog mit ihren
"ASiA"-Gefährten entwickeln sich zu den wichtigsten
Schritten im künstlerischen Werdegang von Elena Frolova.
Sie ist zweifelsohne eine der führenden Persönlichkeiten
in dieser Kulturbewegung.
1995 zieht Elena Frolova von ihrer Geburtsstadt Riga nach
Suzdal, eine altrussische Stadt. Das ist, in gewisser Weise,
eine "umgekehrte Emigration", denn Suzdal ist die
Heimat ihrer Vorfahren. Dieser Umzug ist nicht nur ein Teil
ihrer Biographie, sondern auch der Anfang einer neuen Etappe
ihres Schaffens. Gerade dort, in Suzdal, entdeckt Elena für
sich die russischen Volkslieder und den russischen geistlichen
Gesang. Sie lernt Gusli spielen, ein altertümlicher Musikinstrument.
Sie schreibt auch eigene Lieder, die die Volkstraditionen
wiederspiegeln. Elena nennt sie: "Meine russischen Volkslieder".
Die Beachtung altertümlichen Traditionen, eigene Liederkunst,
Liederzyklen zu den Gedichten zeitgenössischer und "wiederentdeckter"
Poeten wie Veniamin Blazhennyj, Anna Barkova und Dmitri Strotsev
- das alles wächst aus denselben Wurzeln und hat, im
Grunde, denselben Zweck: das Gespräch von Mensch zu Mensch
über das Wichtigste und das Bedeutendste - über
die lebendige menschliche Seele, die liebt und leidet. So
kann man die Werke Frolovas mit Recht als "zeitgenössischer
geistlicher Gesang" bezeichnen.
Es entsteht also die Verbindung zwischen der alten, fast
vergessenen Tradition und der spirituellen Suche des modernen
Menschen. Elena Frolova betont immer wieder, dass die Katastrophen
des vergangenen Jahrhunderts zur Auslöschung des fruchtbaren
Bodens, der die Kultur des alten Russlands nährte, geführt
haben. Ihre Aufgabe und die Aufgabe ihr gleichgesinnter Autoren
sieht Elena in dem Wiederaufbau dieses Bodens.
Ab der zweiten Hälfte der 90-er Jahren bereist sie Europa:
sie singt in Deutschland, in Frankreich, in Italien und in
der Schweiz. Es ist nicht mehr ausschließlich russisches
Publikum, das ihre Konzerte besucht. Auch die Musikliebhaber,
die kein Russisch sprechen, verfolgen ihre Auftritte mit großem
Interesse und mit Bewunderung. Der europäische Zuhörer
entdeckt in Elena Frolova die Verkörperung des modernen
Russlands. Ihre Stimme, ihr musikalischer Talent, ihre Expression,
die absolute Aufrichtigkeit und Offenheit ihres Werkes haben
keine Übersetzung nötig.
Elena Frolova veröffentlichte zwei Soloalben in Frankreich
und in Deutschland. Das große Interesse an ihrem Werk
ist die Folge des gerade erwachenden Interesses der Öffentlichkeit
an der Weltmusik. Das Verlangen der Menschen nach wahren,
authentischen Stimmen verschiedener sängerischer Traditionen
und Kulturen, im Kontrast zu den Stereotypen der kommerziellen
Popkultur, ist groß. Die Stimme der Sängerin und
Autorin Elena Frolova erklingt als vollberechtigter Mitglied
in diesem wichtigen und aktuellen Kulturdialog.
*Lena
- russische Kurzform von Elena
**Vera Matveeva - russische Liedermacherin, starb im Alter
von 32 Jahren an Gehirntumor.
|