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Elena Frolova
Das Geistesleben in Rußland ist undenkbar ohne seine
Barden Mit ihrer "Gitarrenpoesie" sind die sogenannten
Autorenlieder doch über Jahrzehnte hinweg - seit Mitte
der 50er Jahre bis heute - weitaus mehr als nur ein musikalischliterarisches
Genre: nämlich ein gesellschaftlich-soziologisches Phänomen.
Diese unverwechselbar russische musikalische Ausdrucksform,
die weder mit dem folk song, noch mit dem Chanson westlicher
Prägung zusammenfällt, büßte auch nach
dem Tode ihrer namhaftesten Protagonisten Wladimir Wyssotzki,
Alexander Galitsch und Bulat Okudshawa nichts an Bedeutung
und Faszination ein. Ohne spürbare Generationskonflikte
eroberten und erobern neue Stimmen die Bühnen der Liedtheater,
Bardenkaffees und Open-Air-Konzerte.
In diesem Kreis hochtalentierter, bis zur Eigenwilligkeit
unverwechselbarer junger Liedpoeten ist Jelena Frolowa Kopf
und Seele, Rückhalt und Galionsfigur. Jelena Frolowas
Balladen und Lieder, geprägt durch außerordentliche
musikalische Expressivität und eine ureigene Poetik,
sind nicht etikettierbar. Zusammen mit ihrer faszinierenden
Stimme, der puristisch strengen und doch alle Sinne - bis
zur Erotisierung - fesselnden Vortragsweise ergeben sie "das
Gesamtkunstwerk" Jelena Frolowa.
Das lyrische Universum dieser Künstlerin bilden eigene
und fremde Gedichte, wobei sie an letzteren nicht der "große
Name" reizt, sondern allein der Widerklang, die Affinität
zu ihrem eigenen Denken und Fühlen. So stehen in Jelena
Frolowas Konzerten Vertonungen von Gedichten Jossif Brodskis,
Anna Achmatowas und Marina Zwetajewas bruchlos neben Texten
kaum bekannter junger Lyriker der Gegenwart wie Marina Gerschenowitsch
oder versessener Poeten der frühen Sowjetzeit wie Sofja
Parnok.
Jelena Frolowa legt in diese Texte hinein, was sie selbst
im Innersten bewegt: ihre ganz persönliche Wahrnehmung
von Welt, fernab von allen modischen Stereotypen. Verlust
und Trauer, unglückliche Liebe, Tod, Flucht, Fernweh
und Glauben haben darin ebenso einen Platz wie die bis heute
tabuisierten Themen Suizid oder gleichgeschlechtliche Liebe.
Sehr gern "überträgt" Jelena Frolowa dabei
Menschliches auf Tiere - besonders Vögel - und Pflanzen,
was an echte, nicht folkloristisch verunstaltete russische
Volksmusik erinnert. Und läßt sie historische Figuren
oder Gestalten, der Bibel - wie etwa Maria Magdalena - sprechen,
so führen diese Lieder-Monologe, ja Lieder-Gebete unmittelbar
zu den musikalischen Traditionen der Russisch-Orthodoxen Kirche.
Die rückhaltlose Offenbarung des Menschen Jelena Frolowa
in den Liedern der Sängerin Jelena Frolowa verlangt einen
vertrauensvollen Adressaten, die Intimität des ernsten
Zwiegesprächs zwischen Künstler und Publikum, was
die Vorliebe der Interpretin für "Säle mit
Seele" und "Zuhörer mit lebendigen Augen"
erklärt.
Wobei dieser Zuhörer durchaus auch einem nicht-russischen
Kulturkreis angehören kann, wirken Zauber und Faszination
der Lieder doch über alle Sprachgrenzen hinweg. Sie sind
im besten Sinne ein Stück Esperanto unverfälschter
menschlicher Expressivität.
Dr. Hannelore Umbreit
1999
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